Vogalonga 2025
'Wahnsinn in Venedig'
Die Vogalonga - die grösste Regatta der Welt - muss jede Paddlerin und jeder Paddler einmal selbst miterlebt haben. Denn nur vom Hörensagen kann man diesen absoluten und fast schon mythischen Wahnsinn, der sich in der Lagune von Venedig alljährlich am Pfingstsonntag abspielt, kaum glauben. Aber nur für ein Wochenende nach Italien fahren? Das ist keine Option, denn Norditalien hat befahrbare Flüsse und Seen zuhauf. Also haben sich die vier Paddler der Tourengruppe eine Route und einen groben Plan zurechtgelegt: Ein oder zwei Tage am Silvaplanersee und Silsersee im Oberengadin, dann über den Berninapass für einen Stopp zum lombardischen Lago d'Iseo und eine Tour auf einem der Flüsse Piave oder Tagliamento. Zum krönenden Abschluss dann nach Venedig.
Am Silsersee empfing uns ein kühler und stetiger Wind, der uns eine Seenumrundung bei starkem Wellengang bescherte. Die Nacht auf dem Zeltplatz bei Maloja war gewittrig und der nächste Morgen regnerisch - nichts wie weg hier! Trotz des ansonsten sehr gemütlichen Zeltplatzes. Also Zeltabbauen, alles in die Ikeatüten (der Koffer des Tourenpaddlers) verstauen und ab nach Italien! Ennet des Berninapasses besserte sich das Wetter allmählich und nach einem Zmittag in der Dorfchnelle von Tirano ausgangs Puschlav dann endlich Sonnenschein.
Am Nachmittag erreichten wir den Lago d'Iseo, quasi die kleine Schwester des Gardasees – weniger los, jedoch mindestens so schön. Nach den Strapazen des erneuten Zeltaufbauens folgte erstmal eine Inspektion der Bar: Angebot gut, Service verbesserungswürdig. Italien halt... Am nächsten, nicht mehr so frühen Morgen war die Bar entgegen den angeschriebenen Öffnungszeiten natürlich noch zu (Italien halt...) weshalb wir zum Zmorgen in einer Caffèbar im Städtli Iseo gelandet sind: Caffè doppio e Cornetto doppio, freundlich serviert! Es folgte die erste Tagestour, die Umrundung der Insel Monte Isola, vorbei an einer Werft, romantischen Waldabschnitten, einem zerfallenen Hotel und alten Villen. Zum Zmittag sind wir angelandet und haben das touristische Treiben auf der autofreien Insel vom Ristorante aus beobachtet. Am nächsten Tag folgte eine Tour an den Ausfluss des Sees, der später - nach einem Wehr - Oglio heisst und in den Po mündet. Nach einem eher spärlichen Zmittag sind wir vorbei an einem grossen Vogel- und Naturschutzgebiet zurück zum Zeltplatz gepaddelt und haben anschliessend abermals die Bar inspiziert.
Nachdem am nächsten Morgen die Boote verladen waren, ging es weiter in Richtung Osten. Die aktuellen Pegelmesswerte im Internet für den Tagliamento waren für eine Befahrung zu tief, die Pegel am Piave besser, aber unsicher. Hier half nur ein Augenschein, bei dem sich der Abschnitt zwischen Ponte Della Priula und Ponte di Piave als befahrbar erwies. Nur eine gute Einstiegstelle war zunächst nicht in Sicht, erst nach zweistündigem Rekognoszieren bei einer Affenhitze wurde eine schöne Stelle mit nahem Parkplatz gefunden. Am nächsten Morgen machten sich drei der vier Paddler also auf zum Piave. Der Vierte hatte sich aufgrund Monezuma's Rache freiwillig als Rückholer gemeldet und verbrachte den Tag bei schwülheisser Witterung in bester Gesellschaft von Tigermücken auf dem Zeltplatz. Für die anderen stellte sich der Piave als Herausforderung dar: Der Abfluss war grösser als gedacht und die Navigation mit den ganzen Haupt- und Nebenarmen erforderte ein geübtes Auge. Dazu viel Holz und seitliche Strömungen, die stetige Konzentration erforderten. Fazit: nichts für Anfänger und nur mit Plastikboot. Entlohnt wird man aber durch den Anblick der einzigartigen Landschaft des verzweigten Flusssystems.
Tags darauf rückte das eigentliche Ziel der Reise in die Nähe: Bereits am späten Vormittag wurden die Zelte auf dem Campingplatz Fusina bei Venedig aufgebaut und anschliessend das gastronomische Angebot inspiziert. Die grosse Tagesaufgabe stand aber noch bevor: Die Beschaffung der Startnummer für die Vogalonga, die schon am nächsten Tag, am Pfingstsonntag, anstand! Wie es sich für echte Paddler gehört, haben wir also das Vaporetto auf die Insel genommen. Eingebettet in eine touristische Tour, vorbei an der Rialtobrücke und an der Piazza San Marco, haben wir im Organisationsbüro der Vogalonga Startnummer, Infos und Merchandise gefasst.
Am nächsten Morgen war es dann soweit: Bereits um fünf Uhr ging das Geraschle mit den Ikeatüten los und bald darauf war – zum grossen Erstaunen aller "normalen" Campingtouristen – reges Treiben auf dem ganzen Campingplatz zu beobachten. Bevor um halb zehn der Startschuss am Punta delle Dogana gefallen war, mussten zunächst noch die sieben Kilometer vom Campingplatz bis nach Venedig gepaddelt werden. Auf den letzten zwei Kilometern im Canale di Giudecca dann durch den regen Schiffverkehr starker Wellengang aus allen Richtungen – als wäre man auf offenem Meer. Je näher wir dem Startpunkt kamen, desto grösser wurden unsere Augen: Alles voller handbetriebener Boote aller Couleur. Erst jetzt merkten wir, was die von den Veranstaltern angekündigten 2'000 Boote heissen: Der ab-so-lu-te Wahnsinn! Traditionelle venezianische Boote aller Bauarten, Ruderboote, Drachenboote, Kajaks in allen Klassen, SUP, ein Pedalo, ein Weidling aus Schlieren – kurzum alles Schwimm- und Manövrierfähige ohne Motorisierung.
Mit dem Pistolenschuss setzte sich dann der ganze Pulk unkontrolliert in Bewegung. Zunächst ging es vom Markusplatz um den Spitz von Sant'Elena – wo das erste vollbesetzte Ruderboot an einem Bootspfahl kleben blieb und kenterte. Anschliessend ging es vorbei an den Inseln Certosa und Vignole und durch den Kanal von Sant'Erasmo vorbei an den Untiefen der Lagune und stets begleitet vom Getrommle der Drachenboote. Dann führte die Route rund um die malerische Insel Burano, wo eine kurze Mittagspause gemacht wurde. Die Rückreise hatte es dann in Sich: Auf rund 10 km wurde gegen den immer stärker werdenden Westwind angekämpft, vorbei an Murano und der Friedhofsinsel San Michele.
Kurz vor Venedig zeichnete sich das Unausweichliche ab: Stau vor der Engstelle des Canale di Cannaregio mit verzweifelten Carabinieri, die vergeblich versuchten, etwas Ordnung zu schaffen. Richtig eng wurde es beim Ponte dei Tre Archi – eine Brück mit keinen fünf Metern Breite und gerade mit genügend Platz für die grösseren Boote. Hier konnte nur ein Boot nach dem anderen passieren. Nur dank der mit Feuerwehrhelmen und Neoprenanzügen geschützten schwimmenden Helfern ging es überhaupt vorwärts – deren Hauptaufgabe war das Entheddern der Ruderboote. Ein kaum zu glaubendes und sehr unterhaltsames Spektakel! Es folge das absolute Highlight – unsere Boote und wir auf dem Canale Grande, unter der Rialtobrücke hindurch und zurück in Richtung San Marco, Begleitet von Applaus und den ungläubigen Blicken der Touristinnen und Zuschauer. Am Ziel angekommen wurden wir belohnt mit Bananen, Wasser und einer prächtigen Goldmedaille, die uns fast vergessen liess, dass es nochmals sieben Kilometer zurück zum Zeltplatz (mit Gegenwind) sind. Insgesamt haben die vier Paddler fast, nur um wenige hundert Meter verfehlt, eine Marathonstrecke absolviert. Der absolute Wahnsinn, aber definitiv nichts für Anfänger!
Bericht: Valentin Müller